Schlagabtausch Heidelberg

Der BDSM- und Fetisch-Stammtisch in Heidelberg

Dominantes Auftreten und Körpersprache

Am 03. Juni fand der Themenabend "Dominantes Auftreten und Körpersprache" statt. In der Wieblinger Gaststätte mit dem einladenden Namen "Hauhecke" wurde in kleiner, eckiger Runde über das Thema diskutiert. Die diesmalige Location war gut gewählt, in dem Nebenzimmer konnte man als geschlossene Gesellschaft tagen, ohne störende Musik und ohne andere Gäste zu brüskieren. Ein bisschen suboptimal war vielleicht die Tatsache, dass der Stammtisch versehentlich als "Elterntreff" verstanden worden war und die Gespräche prompt auch abbrachen, sobald die Bedienung im Zimmer auftauchte, sollte auch ein SM-Stammtisch dort willkommen sein, wären weitere Themenabende in dieser Gaststätte bestimmt nett.

(Ein Wort zum Menü: Wer vorhat dort zu Abend zu essen, sollte ggf. sicherstellen, dass zuhause eine hungrige Hundemeute auf die mitgeschleppten "Doggy-bags" wartet. Die Bezeichnung "Schnitzel" auf der Speisekarte meint mitnichten den Singular, sondern ein frittiertes Schwein in Scheiben)

In der Einführung zum Thema wurden zwei grundlegende Fragen des Abends angeschnitten: Ist "dominantes Auftreten" tatsächlich mit (der herkömmlichen Definition von) "Männlichkeit" im Sinne von Strenge und Militarismus verknüpft? Und vor allem: Kann dominantes Auftreten erlernt werden, oder wird einem die "richtige" Ausstrahlung quasi in die Wiege gelegt?

Ein weiterer zentraler Punkt, auf den das Gespräch immer wieder zurückkam, war die subjektive Definition von Dominanz, und ihre Wirkung nach außen.

"Dominantes Auftreten" wird im Berufsalltag, beziehungsweise in besonderen Business-Workshops zum Deuten und bewussten Nutzen der Körpersprache meist tatsächlich als Manifestation des männlichen Testosteronspiegels dargestellt. Im karrierebedingten überlebenskampf sollen die eher dem weiblichen, gefühlsbetonten Wesen angerechneten Verhaltensmuster zurückgestellt werden. Strenge, sparsame Mimik oder sogar ein "stechender Blick" werden da als Muster an Dominanz verlangt.

In einer Fernsehsendung werden dem "dominanten Typ" sogar diverse Körpermerkmale zugesprochen: "Kräftige Gesichtsknochen an Augenwülsten, Unterkiefer und Kinn" (?!).

Diese Definitionen treffen in der Szene bestimmt nicht zu. Das bewusste, erotische Spiel mit der Macht und den Geschlechtern ersetzt derart altmodische Statuten, sofern überhaupt vorhanden, durch eigene Regeln. Militarismus bekommt durch Uniformfetisch und z.B. dem Drill eines Sklaven durch seine Herrin eine ganz eigene Note (besonders oder obwohl der Titel "Herrin" sowieso von einigen dominanten Frauen als Unwort verdammt würde).

Das führte zur Frage: Woran macht sich eine dominante Ausstrahlung dann eigentlich wirklich fest?

Der Fotograf Helmut Newton zB. lichtete zu Lebzeiten vor allem dominante Weiblichkeit ab. Seine Frauen sind weder männlich noch knochig, aber sogar nackt in einem leeren Raum strahlen sie überlegenheit und kühle Bestimmtheit aus.

Haltung und Blick spielen hier eine tragende Rolle. Die Frauen schauen dem Betrachter voll ins Gesicht (oder gelangweilt zur Seite, auf ein Objekt das ihr Interesse erweckt). Der Blick ist geradlinig und direkt, auf ein Lächeln als althergebrachte Geste der Annäherung wird verzichtet. Die Haltung der Frauen ist gerade, die Arme abwartend verschränkt, lässig in die Hüften gestützt, oder locker an ihrer Seite. Sie zeigen keinerlei Scham oder Schüchternheit, stattdessen konfrontierenden sie den Bildbetrachter einfach mit ihrer Präsenz. Dem Betrachter ist hier nur die Reaktion vorbehalten.

Dominanz orientiert sich demnach bei beiden Geschlechtern also weniger am Körperbau und an der Fetisch-Kleidung, Spiel-Utensilien und sonstigen "Insignien der Macht". In erster Linie reagieren die Interessenten in der Szene theoretisch auf die Ausstrahlung, auf die Haltung. Und somit auch auf das Selbstbild, dass die dominante Person von sich hat und welches sie nach außen weitergibt.

Traurige Realität ist hier aber auch, dass eine sexy gekleidete Frau auf einer Party auch ohne dominante Haltung oder Absichten zuweilen unerwünschte Unterwerfung angetragen bekommt. Eine Situation, in der eine mit Halsband und Fesseln auf ihren Herrn wartende Dame sich plötzlich aufdringlich von einem Partygast bekniet sieht, ist leider kein Einzelfall.

Vorsicht ist umgekehrt auch dann angebracht, wenn die dominante Erscheinungsweise auf unbeteiligte Partygäste ausgeweitet und an ihnen gemessen werden soll. Da in der SM-Szene die Dominanz ganz bewusst auf freiwillige Unterwerfung und nicht dem alltäglichen Konkurrenzkampf beruht, kann ein Bruch dieser ungeschriebenen Regeln zu eher unschönen Situationen führen.

Die Meinungen, inwieweit dominantes Auftreten und die zugehörige Körpersprache erlernbar ist, gingen auseinander. Zum einen wird mit Sicherheit niemand als perfekte DOM/ME geboren, zum anderen prägen Erziehung und Erlebnisse in der Kindheit auch hier das spätere Verhalten gehörig mit.

Der Meinung "entweder man hat´s, oder man hat´s nicht" steht die Tatsache entgegen, dass Menschen sich ihr ein ganzes Leben lang entwickeln, und ihre Vorlieben und Charakterzüge ändern.

Auch ein Mensch, der an sich die Neigung zur Dominanz entdeckt, ist üblicherweise nicht sofort von allen Selbstzweifeln befreit, und muss sich anfangs und später des öfteren in seiner Rolle beweisen. Während der Wille, über einen Partner zu dominieren, sowie ein gesundes Selbstbewusstsein hier bestimmt hilfreich sind, lernt der Mensch auch auf diesem Gebiet nie aus. Gegen eine anfängliche Unsicherheit kann angegangen werden. Eine eher gebieterische, respekteinflößende oder einfach souveräne Haltung und eine entsprechende Gestik können zumindest teilweise bewusst erlernt werden. Sicher kann Körpersprache nicht wie ein Gesellschaftstanz einstudiert, und bei Bedarf abgespult werden. Dazu ist im Umgang mit anderen Menschen zuviel Flexibilität notwenig. Geschauspielerte Dominanz ohne die zugehörige Einstellung im Kopf wird von anderen Menschen instinktiv als unecht wahrgenommen. Vor allem sog. "Adaptoren" (körperbezogene Gesten, die automatisch und unbewusst passieren, z.B. ein Griff ans Ohrläppchen oder an die Nase bei Unsicherheit) lassen sich nur schwer unterdrücken.

Allerdings wird durch "Egotraining" ("Ich bin stolz und stark!"...) und andere Workshops heutzutage gerade das Selbstbewusstsein der Teilnehmer gehoben. Dank der veränderten inneren Einstellung entfallen auch die unbewussten "störenden" Gesten. Nützlich womöglich nicht nur bei Vorstellungsgesprächen. Diese Möglichkeiten stehen natürlich auch dem Normalbürger im stillen Kämmerlein zur Verfügung.

Eine gepflegte Erscheinung, eine gute Haltung, ein Outfit in dem DOM/ME sich gut - und dominant - fühlt sind zweifelsfrei nicht nur was fürs Auge, sondern einem guten Selbstwertgefühl und damit einer guten Ausstrahlung immer zuträglich.

Letztendlich wurde festgestellt, dass selbst das Empfinden von Dominanz sehr subjektiv ist. Für Außenstehende sind die kleinen Signale zwischen dominanten und submissiven Part oft nicht ersichtlich. Außerhalb der Session / der Partnerschaft ist - zum Glück - nicht jeder Stammtischteilnehmer gewissermaßen anhand eines Labels an der Stirn zweifelsfrei als Dom (oder Sub) zu identifizieren.

Der Themenabend fand am 03.06.2005 statt.

zurück zur übersicht